Fühlen und Sexualität

Sex ist Fühlen in Reinkultur. Obendrein weckt er eine riesige Palette an Emotionen in uns, die das eigentliche Fühlen überdecken oder verhindern können, darunter auch viele, die eigentlich gar nicht in die sexuelle Begegnung gehören, sondern in unsere Kindheit und die Beziehung mit unseren Eltern.
Sex kann die reinste, ehrlichste und intensivste Begegnung zwischen zwei Menschen sein. Schließlich sind beide nackt und umarmen, berühren, durchdringen einander, wie es in keinem anderen Lebensbereich möglich ist.
Hier sind so viele Emotionen im Spiel wie wohl auf keinem anderen Gebiet. Guter Sex besteht aber nicht aus möglichst vielen Emotionen, sondern ist frei von Emotionen, ist reines Fühlen, von Haut zu Haut, von Herz zu Herz, unmittelbarer Kontakt. Emotionen verdunkeln und verzerren die Begegnung und gehören hier nicht hin.

Indem wir unsere Gefühle bewusst wahrnehmen – fühlen -, gelangen wir in die Gegenwart und befreien uns von den Gespenstern der Vergangenheit und unseren Körper und damit auch unsere Sexualität von den Anspannungen und Blockaden, die sie verursachen, solange sie nicht gefühlt werden.
Auf diese Weise kommen wir nach und nach aus der Hölle der Emotionen in die Wunderwelt des Fühlens, wo wir unser sexuelles Verlangen, die Unzahl der Empfindungen, die durch den Hautkontakt ausgelöst werden, unsere Lust, unsere Zärtlichkeit, unsere Liebe und all die verschiedenen Nuancen dieser Gefühle bewusst fühlen können.

Safi Nidiaye, Wieder fühlen lernen